Junges Landestheater Bayern

Rezeptionen zu Zeig mir deine Wunde

Paul (S.Eigenbrod) möchte eine Film aus Hassans Geschichte machen

Der Zuschauer findet sich plötzlich inmitten von zwiespältigen Gefühlen, ist hin- und hergerissen von der Pflichterfüllung des Entscheiders mit dessen „Härte“, von der Empathie der jungen Ärztin und ihrem Zweifel, ob sie das richtige tut, der Sensationsgier des Filmstudenten und seinem Interesse auf eigene Karriere auf Kosten Hassans. Die Geschichte des jungen Geflüchteten, Hassan selbst, wird authentisch nach Protollen, ärztlichen Stellungnahmen, einem Gespräch mit seinem Entscheider, erzählt. Es offenbart sich sein Weg, gesät mit traumatisierenden Erlebnissen.

Kulturelle Bildung mit dem Jungen Landestheater Bayern

Es lohnt sich, für wichtige Dinge einzustehen!

von Hildegard Scherl, StDin

 

Abschiebung – dieser Begriff ist in den Medien und bei den Menschen schnell gesagt. Gesetzliche Rahmenbedingungen, ein funktionierender technischer und personeller Apparat zur Durchführung, formelle Hindernisse bei Abschiebungen, darüber erfahren wir sehr viel, wenn es darum geht, zu uns geflüchtete Menschen wieder loszuwerden. Was aber erfahren wir jenseits der Fakten über Gefühle der betroffenen Menschen, ihre Beweggründe, deren emotionale Situationen? Wie aber sind auch die Menschen, welche in den Verfahren mitwirken, wie die Menschen, die als Angehörige der Mitwirkenden ungefragt die Geschehnisse miterleben, betroffen?

Das Junge Landestheater Bayern öffnete mit seinem Stück „Zeig mir deine Wunde“ 320 Schülern der Berufsfachschulen den Blick ins Innere betroffener Menschen. Erzählt wird die Geschichte des jungen Afghanen Hassan Adschuli. Er ist nun hier und ein erfahrener Asyl-Entscheider, eine junge Ärztin, ihr Freund, ein Filmstudent, und ein afrikanischer Stipendiat sehen sich nun vor der Frage, wie man mit Hassan am besten umgeht. Als Handlung des Stückes erörtern die Darsteller jeweilige private und berufliche Blickwinkel der Situation.

Probe Wunde II:  Haruna Munira als Journalist/ Dokumentarfilmer Lawrence

Abgehoben vom Erzählstrang zeigten sich zunehmend die eigentlichen Aussagen des Stückes. „Wunden“ haben wir alle. Aber nur, wenn wir uns öffnen, anstatt zu verdrängen, können wir Traumata überwinden. Und, im Schatten unseres „Funktionierens“ ist unser Leben miteinander kälter und härter geworden. Mitgefühl ist oft verloren. Das Stück endet dennoch versöhnlich. Der Entscheider teilt seine „Brotzeit“ mit dem geflüchteten Hassan. Ein symbolischer Akt: Wieder ganz und gar Mensch werden!

Entscheider Herr Adam (F.Pauli) möchte wissen, was gerecht ist
Hassan (H.Adschuli) liest den Beipackzettel von Olanzapin
ist sich nicht sicher, ob sie den richtigen Beruf gewählt hat, um Menschen zu helfen: Betty (V.Schweinstetter)

Dem Ensemble des Jungen Landestheater Bayern, geleitet von Matthias Fischer und Vera Schweinstetter, gelang mit „Zeig mir deine Wunde“ eine außergewöhnliche Inszenierung, die unsere Schüler ansprach und auch aufwühlte. Das Junge Landestheater Bayern arbeitete mit modernsten theatralischen Mitteln: Videosequenzen, live mit Handkamera und Smartphone gefilmt und auf mehrere Leinwände projiziert, Ausschnitte aus dem Film „Drachenläufer“, mit dem Hassans Kindheit in Kabul anschaulich wurde. Viel Aufmerksamkeit, große Stille am Ende der Aufführung.
Unter unseren Zuschauern befanden sich nicht wenige mit eigenem Migrationshintergrund, auch geflüchtete Jugendliche. Sie erkannten sich, einige suchten das Gespräch mit den Darstellern. Und gelacht wurde auch, ein Schüler entdeckte seine frappierende Ähnlichkeit mit Lawrence, dem afrikanischen Dokumentarfilmer.
Wichtig dann die Nachbesprechung wieder in der Schule: Eine Inszenierung abweichend von gefestigten Erwartungen der Schüler mit noch ungewohnten dramaturgischen Mitteln. Insgesamt danach Betroffenheit und viele positive Rückmeldungen der Schüler.